Streuobst-was?

Streuobst

Streuobst-was?

Von Baumgärten und Obst-Prairien

Renaturierte Streuobstwiese in Köln-Langel (lrh.) im Spätfrühling, kurz vor Beginn der Wiesenblüte. Eine Vielzahl von Kräutern reckt sich zum Licht. Bild: Volker Unterladstetter

Streuobstwiesen stellen ein traditionelles Anbauverfahren im Obstbau dar, bei dem die Krone der Obstgehölze erst in einer Stammhöhe von ca. 1,80 m ansetzt. Dadurch bleibt unter den Baumkronen genügend Platz, um die Fläche auch zum Anbau von Viehfutter zu nutzen. Solche Zweinutzungskulturen wurden früher als Baumgärten (rheinisch Bongerte) bezeichnet. Traditionell wurden im Rheinland viele Streuobstwiesen durch Nutztiere wie Schafe oder Rinder beweidet (Sprachpuristen sprechen in diesem Fall von Streuobstweiden). In anderen Regionen Deutschlands war aber auch eine Heuwiesennutzung üblich, bei der das Gras mit der Sense geschnitten wurde und als Heu den Haustieren später im Jahr als Winterfutter diente. So entstanden unter den Obstbäumen allmählich blumenreiche Wiesenfluren, die zuweilen Obst-Prairien genannt wurden (von französisch prairie = ‚Wiese‘).

In alle Winde verstreut – aber was eigentlich?

Der Begriff Streuobstwiese führt oft zu einiger Verwunderung. Was soll denn da eigentlich verstreut sein? Sind es die Bäume, die scheinbar wahllos in die Landschaft gepflanzt werden? Oder hat es etwa mit dem Wiesenschnitt zu tun, der früher als Einstreu im Stall verwendet worden ist? Sprachgeschichtliche Untersuchungen haben gezeigt, dass nichts davon zutrifft. Die sprachlichen Ursprünge des Begriffs lassen sich bis ins 19. Jahrhunderts zurückverfolgen. Seither hat die Bedeutung des Wortes „Streuobst“ eine ebenso wechselvolle Geschichte erfahren wie die Baumgärten selbst. Zu Beginn der Geschichte diente er rein deskriptiv als Lagebezeichnung: Obstbäume wurden „in Streulage“ um die Dörfer und Höfe angebaut. Damit war die unmittelbare Umgebung der Dörfer gemeint. Erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts wandelte sich die Konnotation. Nun war immer öfter von Obstbäumen die Rede, die in der Landschaft „verstreut“ wuchsen. Dieser „Streuanbau“ bzw. die „Streupflanzung“ wurde zunehmend kritisiert. Zu unrentabel galt vielen Autoren nun die alte Art der Hochstammkultur. Doch auch in dieser Bedeutung wurde nicht von verstreut stehenden Einzelbäumen gesprochen, sondern von Baumbeständen, die über die Landschaft verstreut standen. Im Zuge der Rodungsaktionen und der immer stärker in den Vordergrund tretenden Niederstammwirtschaft entstanden dann spätestens in den 1970er Jahren die heute bekannten Bilder von Altbeständen, in deren Reihen immer öfter Lücken klafften. Ohne Pflege und nachgepflanzte Jungbäume standen die übrig gebliebenen Altbäume nun tatsächlich verstreut in der Gegend herum.

Streuobstwiese im Abendrot

Streuobstwiese in Leverkusen-Atzlenbach im Licht der untergehenden Wintersonne. Rechtzeitig nachgepflanzte Jungbäume stehen bereit, die alten Baumveteranen abzulösen. Bild: Hans-Martin Kochanek

Ein Imagewandel mit Folgen

Doch die Reaktion auf den Zeitgeist der Flurbereinigung ließ nicht lange auf sich warten: Sie kam in Form der ersten modernen Naturschutzbewegung. Schnell erkannte man eben diese alten Obstbestände als wertvolle Elemente einer schwindenden Kulturlandschaft, die zahlreichen selten gewordenen Tierarten wie Wendehals und Steinkauz einen Lebensraum boten. Der alte Begriff „Streuobst“ wurde erneut uminterpretiert und verband sich schließlich zusammen mit dem Wort „Wiese“ zur Streuobstwiese – unter den Naturschützern nun ein eindeutig positiv konnotierter Begriff der Wertschätzung. Ob die ursprüngliche Bedeutung der Silbe „Streu“ zu dem Zeitpunkt noch bekannt war, ist nicht gewiss. Jedenfalls ging die Idee von den Obstkulturen in Streulage in der Folgezeit relativ schnell verloren. Heute findet man meist nur noch die eingangs beschriebenen Erklärungen für den Begriff „Streuobstwiese“. So hat letztlich jede Epoche dem Wort Streuobst eine neue Geschichte hinzugefügt. Wie wird wohl einst die nächste lauten?

Wer mehr zur Sprachgeschichte des Begriffs Streuobstwiese lesen möchte, dem sei der lesenswerte Artikel von Gerhard Weyers aus dem Jubiläumsheft des Pomologen-Vereins von 2017 ans Herz gelegt.

 

Bestandserfassung

Streuobst

Bestandserfassung

Den Bäumen unters Blätterkleid geschaut…

Dass Streuobstwiesen eine Welt im Rückgang sind, ist allgemein bekannt. Doch wie geht es den einzelnen Flächen in Leverkusen und Köln wirklich? Wieviele Altbäume stehen noch? In welchem Pflegezustand befinden sie sich? Wo stehen welche Obstarten, wo haben alte selten gewordene Sorten überlebt? An welchen Bäumen und auf welchen Flächen haben sich biologisch wertvolle Strukturen wie Baumhöhlen oder Totholzbereiche mit Insektengalerien ausgebildet? Diese und weitere Fragen stellen sich die MitarbeiterInnen der Naturschutzstation im Rahmen von Kartierungen und Bestandserfassungen. Dabei spielen durchaus unterschiedliche Aspekte eine Rolle: Neben den Fragestellungen im Bereich Arten- und Biotopschutz geht es auch um den Erhalt der alten Sortenvielfalt bei den Kulturobstgehölzen.

Sorten-Etikett verschwunden? Notizen verlegt? Kein Problem: Die punktgenaue Erfassung der Obstbäume im GIS-Verfahren sorgt für eine lückenlose Dokumentation sämtlicher Pflanzmaßnahmen.

Neben der klassischen Geländearbeit mit Klemmbrett und Kamera spielt die moderne Datenverarbeitung von georeferenzierten Datensätzen (GIS) eine entscheidende Rolle. Zusätzlich zur Erfassung von Basisdaten wie Lage der Fläche, Anzahl der Bäume, Alters- und Vitalitätsklassen in einem kommunalen Streuobstwiesen-Kataster werden auch baumgenaue Punktdaten erhoben und verarbeitet. So konnten im Rahmen von Kartierarbeiten in Köln bisher über 1.700 Obstbäume aller Arten und Altersstufen erfasst werden. Diese Bäume werden mit Hilfe von Luftbildern und topographischen Karten punktgenau auf den Flächen lokalisiert. Damit ist zum ersten Mal eine exakte Erfassung und Dokumentation aller nachgepflanzten Jungbäume auf dem Kölner Stadtgebiet möglich. Anhand von pomologischen Untersuchungen kann in den kommenden Jahren die Sortenechtheit der erfassten Bäume überprüft werden. Das Kölner Obstbaumkataster ist somit ein entscheidendes Werkzeug für das stadtweite Management der vorhandenen Sortenvielfalt.

 

Kurze Geschichte der Streuobstwiesen

Streuobst

Kurze Geschichte der Streuobstwiesen

Als die Äpfel und Birnen ins Rheinland kamen…

Der Obstbau in Mitteleuropa reicht mindestens 2.000 Jahre zurück. Wie so oft waren es die Römer, die hier mutmaßlich die ersten Impulse setzten. Als die Legionäre (in Sandalen?) über die Alpen marschierten, hatten sie die ersten Kultursorten von Apfel, Birne und Co. im Gepäck. Die Römer hatten die Auslese und Vermehrung besonders schmackhafter Sorten ihrerseits von den Griechen übernommen, die sie ihrerseits von den Persern hatten usw. (die Kaskade setzt sich im Falle des Apfels bis in die zentralasiatischen Gebirgszüge im heutigen Kasachstan fort, wo die ersten Ur-Äpfel wuchsen und noch heute wachsen).

Nicholas Roerich (1930) „Frühling in Kulu“ (public domain). Künstlerische Darstellung von Krishna vor einer Bergkulisse mit blühenden Rosengewächsen. Die Bergwelt Zentralasiens ist die Heimat von Sievers Apfel (Malus sieversii), dem Urahn unserer heutigen Kulturäpfel. Lauschte er einst Krishnas Flötenspiel?

Als die Römer zu Beginn der Völkerwanderzeit ihre alten Provinzen im Rheinland aufgeben mussten, geriet die Obstkultur zunächst wieder in Vergessenheit, jedoch nicht vollständig. Es waren die Klöster und Krongüter, in denen die Kulturtechniken weiter praktiziert wurden. Besonders berühmt wurde die Landgüterverordnung Capitulare de villis von Kaiser Karl dem Großen, in der er detaillierte Reformen im Garten- und Landschaftsbau formulierte und erste Obstsorten namentlich benannte, die auf seinen Gütern gepflanzt werden sollten. In den folgenden Jahrhunderten entstanden in ganz Mitteleuropa, vorwiegend aber in Frankreich und England, die ersten Kultursorten von Äpfeln und Birnen, die bis in die Gegenwart überdauert haben (zum Beispiel die Borsdorfer Äpfel, der Königliche Krummstiel oder die Wintergoldparmäne).

Exkurs: Der Borsdorfer

Urapfel des Mittelalters

Er ist ein lebendes Fossil unter unseren Apfelsorten: der Borsdorfer. Genauer gesagt handelt es sich gar nicht um eine einzelne Sorte, sondern um eine ganze Gruppe von Kulturäpfeln. Der bekannteste unter ihnen ist der Edelborsdorfer: Klein, flachrund gebaut, und hier und da mit einer kecken Warze auf der goldgelben Backe. Die historische Abbildung (oberer Apfel) stammt aus Johann Prokop Mayers Pomona Franconia (1776 – 1801, public domain).

Die ersten Nachweise des Borsdorfers datieren je nach Quelle bis ins 12. Jahrhundert zurück. Sein Ursprung wird im Saaletal angenommen, vielleicht geht er auf den Ort Borsdorf nahe Meißen zurück. Malen wir uns also aus, wie die deutschen Fürsten und Ritter, die Bischöfe und Mönche im Hoch-Mittelalter zur Vesperzeit in einen Borsdorfer bissen – in einen Apfel des selben Baum-Individuums, das bis heute auf immer neue Unterlagen veredelt auf mancher Obstwiese weiterlebt. In der Potsdamer Alexandrowka-Kolonie steht gar ein mutmaßlich knapp 200 Jahre alter Baum des Herbstborsdorfers. Scheinbar unbeeindruckt hat er sämtliche Weltkriege und Systemwechsel überdauert.

Das 19. Jahrhundert gilt allgemein als Höhepunkt der Sortenvielfalt in Mitteleuropa. Allein etwa 2.000 Apfelsorten soll es um diese Zeit im deutschsprachigen Raum gegeben haben – bei weitem zu viele, um nicht den Überblick zu verlieren (zumal nahezu alle Sorten unter zahlreichen Synonymen und regionalen Namen bekannt waren). Im Zuge der zunehmenden Technisierung und wachsender Absatzmärkte im In- und Ausland wurde die schier unüberschaubare Sortenvielfalt immer mehr als Problem angesehen. Wo die entstehenden Pomologenvereine zunächst Zusammenschlüsse von passionierten Obstliebhabern aus der oberen Gesellschaftsschicht waren (so tummelten sich viele Lehrer, Pfarrer und Apotheker im Pomologen-Kosmos),  drängten gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch die (klein)bürgerlichen Schichten in diese Kreise vor. Der daraus entstehende moderne Gartenbau wandte sich bald einer gänzlich anderen Richtung zu, als es die Sortenliebhaberei des 19. Jahrhunderts im Sinn hatte. Die Produktionsbedingungen im Obstbau hatten sich nun der maschinellen Ernte und Verarbeitung anzupassen. Man begann damit, das Sortensortiment zu vereinheitlichen und radikal zu vereinfachen. Anstelle der alten Sortenflut sollten wenige Dutzend Sorten die überregionale Vermarktung fördern und neue Absatzmärkte erschließen. Damit war nicht nur die genetische Vielfalt der alten, über viele Jahrhunderte ausgelesenen Sorten in Gefahr. Auch der landschaftsprägende Anbau von hochkronigen Obstbäumen wurde als nicht mehr zeitgemäß angesehen. An seine Stelle wurde der Anbau auf sogenannten Niederstammplantagen entwickelt.

Abgängiger Baum auf einer Streuobstwiese. Mangelnde Pflege infolge mangelnder Wertschätzung. Für den Naturschutz sind solche Totbäume nur ein kurzfristiger Gewinn. (Foto: NABU/ Rolf Jürgens)

So effizient diese Plantagen produzieren mochten, sie taten es fortan nur noch unter dem massiven Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden. Zu groß, zu monoton, zu krankheitsanfällig waren die modernen Obstplantagen, um ohne Chemie auszukommen. Wo früher Steinkauz, Grünspecht und Gartenrotschwanz in den Höhlen alter Obstbäume brüteten, wo zahllose Kräuter die Wiesen und Weiden mit bunten Blütentupfern schmückten, wo Myriaden von Insekten summten und krabbelten, standen nach den großen Flurbereinigungen und Rodungen der 1950er bis 1970er Jahre nur noch endlose Reihen makelloser Obstbüsche.

Die Agrochemie hatte das alte Kulturlandschaftsbild völlig verändert, und sie tut es bis heute. Wo heute noch Streuobstwiesen überdauert haben, sind sie das Ergebnis eines wachsenden Naturschutzinteresses. Unter globalen Marktbedingungen sind sie längst nicht mehr wirtschaftlich. Und doch besitzen Streuobstwiesen einen Wert, der mit Geld nicht aufzuwiegen ist: Sie sind ein Hort der Vielfalt, ein Gen-Reservoir, und eine Liebeserklärung an unsere Landschaft.

Obstwanderwege

Streuobst

Obstwanderwege in Leverkusen und Umgebung

Zu Fuß durch Bergisch-Neukirchen, Leichlingen und Witzhelden

Dieses Projekt der NABU-Naturschutzstation Leverkusen-Köln führt durch Streuobstwiesen in Leverkusen und Umgebung.

Die Wiesen mit den alten, großen Bäumen waren früher ein prägender Bestandteil unserer Landschaft. Sie dienten der Selbstversorgung mit Obst und stellten somit einen unverzichtbaren Bestandteil im Leben der Menschen dar. In den letzten Jahren mussten viele der alten Obstbäume groß angelegten Obstplantagen weichen. Allerdings bietet nur die alte Kulturlandschaft Streuobstwiese einen wichtigen Lebensraum für seltene Tier- und Pflanzenarten wie etwa Steinkauz oder Siebenschläfer und sind somit für uns unverzichtbar. Mit den Obstwanderwegen will die NABU-Naturschutzstation Leverkusen-Köln auf diesen bedrohten Lebensraum aufmerksam machen und verdeutlichen, wie wichtig der Erhalt der Streuobstwiesen ist.

Unten finden Sie nähere Infos zu den drei Strecken. Bei der NABU-Naturschutzstation Leverkusen-Köln, auf dem NaturGut Ophoven und bei der Stadt Leichlingen sind Wanderkarten erhältlich. Außerdem haben freundliche Wanderer in verschiedenen Internetportalen die Wege als GPS-Datei hinterlegt. Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

 

Willkommen auf dem Leichlinger Obstweg

Bei dem „Obstweg Leichlingen” handelt es sich um einen ausgeschilderten Wanderweg durch Hülstrung, Leysiefen und Bergerhof, der an vielen Obstwiesen entlangführt. Interessierte können dabei Spannendes und Wissenswertes über Streuobstwiesen und ihre Tier- und Pflanzenwelt lernen.

Länge

gesamt: 9 km (Möglichkeiten zur Abkürzung bei Bennert, auf Plan grün markiert)

Dauer:

ca. 3 Stunden bei gemütlichem Tempo

Wanderkarte

Willkommen auf dem Leverkusener Obstweg

Bei dem „Obstweg Leverkusen” handelt es sich um einen ausgeschilderten Wanderweg durch Opladen, Unterölbach und Atzlenbach, der an vielen Obstwiesen entlangführt. Interessierte können dabei Spannendes und Wissenswertes über Streuobstwiesen und ihre Tier- und Pflanzenwelt lernen.

Länge

9 km (Möglichkeit zur Abkürzung in Claashäuschen, auf dem Plan grün markiert)

Dauer:

ca. 2-3 Stunden bei gemütlichem Tempo

Wanderkarte

Willkommen auf dem Witzheldener Obstweg

Bei dem „Obstweg Witzhelden” handelt es sich um einen ausgeschilderten Wanderweg durch Krähwinkel, Holzerhof und Claasholz, der an vielen Obstwiesen entlangführt. Interessierte können dabei Spannendes und Wissenswertes über Streuobstwiesen und ihre Tier- und Pflanzenwelt lernen.

Länge

5 km (Möglichkeit zur Abkürzung bei Sieferhof, auf Plan grün markiert)

Dauer:

ca. 2 Stunden bei gemütlichem Tempo

Wanderkarte

Ökologischer Wert von Streuobstwiesen

Streuobst

Ökologischer Wert von Streuobstwiesen

Das große Gewimmel

Seitdem der Erhalt der letzten noch verbliebenen Streuobstbestände in den 1970er Jahren in den Fokus des Naturschutzes gerückt ist, überbieten sich Naturschutzverbände und Förderer der Streuobstkultur geradezu in ihren Zahlen zur Artenvielfalt auf Obstwiesen. Über 2.000, 3.000, ja sogar 5.000 Arten finden je nach Quelle ihre Heimat in den naturnahen Baumgärten. Ganz falsch sind solche Darstellungen sicher nicht, auch wenn es bis dato keine wissenschaftliche Erhebung zu geben scheint, die alle Artengruppen auf Streuobstwiesen vollständig erfasst hätte. 

Ein Großes Ochsenauge (Maniola jurtina) saugt Nektar an einer Wiesen-Flockenblume (Centaurea jacea). Wenn Streuobstwiesen eine artenreiche Krautschicht besitzen, finden Insekten auch nach der Obstblüte noch genug Nahrung. Bild: Birgit Röttering

Aber vielleicht ist das auch gar nicht nötig. Denn wer einmal auf einer blühenden Streuobstwiese unterwegs ist, wird den Beweis ihrer ökologischen Bedeutung bald mit allen Sinnen erfassen.  Sobald im Frühjahr die prallen Knospen der Obstbäume aufbrechen, ist die Luft erfüllt von einem stetigen Summen und Brummen. Unzählige Bestäuberinsekten schwirren dann emsig durch ein weißes Blütenmeer. Hummelköniginnen, Frühlingsschwebfliegen, erste Tagfalter und ein unüberschaubare Menge weiterer Insekten teilen sich diesen Lebensraum, in dem Nektar und Pollen im Überfluss vorhanden sind. Und auch die Honigbiene leistet ihren Beitrag zur erfolgreichen Bestäubung der Blütenpracht. Gerade im Zusammenspiel zwischen dem Nutztier Honigbiene und der Vielfalt an wilden Bestäubern entwickeln sich später im Jahr qualitativ besonders hochwertige und wohlgeformte Früchte.

 

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Im Frühjahr kehren auch viele andere Bewohner auf die Obstwiesen zurück. Zugvögel wie der Gartenrotschwanz beginnen mit ihrem Brutgeschäft, sobald die alte Baumhöhle wieder hergerichtet ist. Andere Vögel wie Grünspecht und Steinkauz sind den Winter über gar nicht fort gewesen. Beide Arten beginnen ihre Balz bereits im Spätwinter und setzen sie bis in den Frühling fort. Wenn die Partnersuche erfolgreich war, findet ab April die Eiablage statt – bevorzugt in den Höhlen alter Obstbäume. Bei Untersuchungen zur Avifauna von Obstkulturen wurde festgestellt, dass Streuobstwiesen im Schnitt dreizehnmal häufiger von Vogelarten angeflogen werden als moderne Niederstammplantagen.

Die hohe Attraktivität von Streuobstwiesen erklärt sich durch die große Vielfalt an Biotopstrukturen, die – wie im Falle der Baumhöhlen – nicht nur geeignete Habitate bereitstellen, sondern auch ein wahres Schlaraffenland an Nahrungsquellen bieten. Da ist für jeden das Passende dabei: Insekten und andere Kleintiere, Kräuter, Gräser, Sämereien und Beeren, und natürlich das Fallobst im Herbst und Winter.

Auch der Siebenschläfer (Glis glis) ist auf Streuobstwiesen zu Hause. Manchmal auch als „Hausbesetzer“. Beim NABU Leverkusen besitzt er sogar eine eigene Live-Cam. Bild: NABU/ Willi Mayer

Wenn im Frühsommer die Zeit der Obstblüte zu Ende geht, öffnen sich in der Krautschicht unter den Bäumen die ersten Wiesenblumen und bald ist das Grasland rund um die Bäume von unzähligen bunten Tupfern gesprenkelt. Nun beginnt die Zeit einer spektakulären Insektenvielfalt: Käfer in den schillerndsten Farben krabbeln über die Doldenblüten von Wiesen-Kerbel und Wiesen-Bärenklau, und Wildbienen summen in allen nur erdenklichen Frisuren von Blüte zu Blüte. Ihr Treiben wird von merkwürdigen kleinen Fliegen genau beobachtet. Wie rastlose Wollknäule bleiben die herrlich wuscheligen Wollschweber immer in Bewegung und schweben wie kleine Hubschrauber über den Dingen. Sobald sie ein Wildbienennest ausgemacht haben, schießen sie in einem unbeobachteten Moment aus dem Flug ihre Eier in das Loch.

Unzählige weitere Geschichten könnten hier erzählt werden. Über wuselige Ohrenkneifer, elegante Florfliegen, musizierende Heuschrecken, oder die majestätische blauschwarze Holzbiene, die ihre Brutröhren mit Vorliebe in das Holz morscher Obstbaumstämme gräbt. Von ganz unten bis ganz oben: Streuobstwiesen bieten ökologische Nischen auf allen Etagen. So werden sich manche Ameisen- und Baumwanzenarten wohl ihr ganzes kurzes Leben lang nicht über den Weg laufen – auch wenn sie das gleiche Ökosystem bewohnen.

Obstbaumpatenschaft

Streuobst

Obstbaumpatenschaft in Leverkusen

Ehrwürdige Greise freuen sich über Baumpaten mit Herz

In der heutigen agroindustriellen Landwirtschaft spielt die Bewirtschaftung von Streuobstwiesen keine Rolle mehr. Dabei bilden gerade die alten Bäume eine unverzichtbare Lebensgrundlage für gefährdete Tierarten, wie beispielsweise Wendehals, Gartenrotschwanz oder Steinkauz. Bäume auf Streuobstwiesen sind typischerweise alte Sorten, die zu einer Zeit entstanden, als es noch keine professionelle Pflanzenzüchtung gab und die Idee von Patenten auf Leben bzw. Sortenschutz lukrativer Obstsorten unbekannt war. In Zeiten von Supermärkten und Äpfeln aus Neuseeland drohen all diese alten Obstbaumveteranen zu verschwinden, wenn sie nicht mit Hand und Herz weitergepflegt werden.

Die Naturschutzstation und die Stadt Leverkusen, Fachbereich Umwelt, bieten Ihnen die Möglichkeit, eine Patenschaft für einen unserer knapp 2.000 Baumgreise anzunehmen und so zum Erhalt alter Obstwiesenbestände in Leverkusen beizutragen. Ob Rheinischer Bohnapfel, Kaiser Wilhelm oder Ananas-Renette: Jeder Pate darf sich seinen ganz persönlichen „Baumrentner“ aussuchen. Eine Patenschaft erstreckt sich über mindestens 5 Jahre und kostet insgesamt 400 Euro. Mit Hilfe des jährlichen Patenbeitrags von 80 Euro können die Baumpfleger der Naturschutzstation die fachgerechte Pflege der Bäume sicherstellen. Die Patinnen und Paten erhalten im Gegenzug einmal jährlich die Möglichkeit, zusammen mit einem Mitarbeiter der Station die „Früchte ihrer Patenschaft“ zu ernten.

Und wer seinem Patenbaum ganz genau zuhört, wird vielleicht die ein oder andere Geschichte aufschnappen: Von einer Zeit, in der der Anbau von Obst der Landbevölkerung noch als Lebensgrundlage zur Selbstversorgung diente. In der Automobile und Traktoren noch eine Seltenheit waren. In der viele Menschen ihr Leben lang kaum über die Grenzen ihres Dorfes hinauskamen und damit ein Gefühl besaßen, das der Homo urbanus heute kaum noch kennt: Verwurzeltsein. Was gäbe es für ein schöneres Stichwort, um ein tiefgründiges Gespräch mit seinem ganz persönlichen Baumgreis anzufangen?

Nähre Informationen zum Patenschaftsprojekt für alte Obstbäume erhalten Sie bei der Naturschutzstation unter der Telefonnummer 02171 / 73499-16. Oder schreiben Sie uns ganz einfach eine E-Mail.